Ein frisch berufener Kommunikationsdirektor rief einmal an und bat um eine Vorstellung. Er wollte den Namen der Person, die auf Wikipedia die Berichterstattung über seine Branche verantwortete, so wie ein Fachmagazin einen Ressortleiter hat und eine Zeitung eine Anzeigenabteilung. Er war bereit, diese Person sorgfältig zu briefen, mit allen Unterlagen. Wir mussten ihm erklären, dass es eine solche Person nicht gibt – und dass genau diese Frage die eigentlich interessante war.
Wikipedia erscheint ohne Verleger im üblichen Sinn. Kein Gremium gibt einen Artikel frei, bevor er online geht. Keine Chefredaktion weist einer Branche eine zuständige Person zu. Wer eine Seite gerade beobachtet, wenn eine Änderung eingeht – manchmal jemand, der das Thema seit Jahren verfolgt, manchmal jemand, der eine Stunde zuvor aus einem ganz anderen Streit kam –, entscheidet im Moment, ob er die Änderung akzeptiert, rückgängig macht oder eine Diskussion eröffnet.
Niemand, wie bedeutend auch immer im wirklichen Leben, hat das Recht, sich so zu verhalten, als gehöre ihm ein bestimmter Artikel.
Das Fehlen einer festen Autorität wirkt in beide Richtungen. Niemand lässt sich in einem einzigen privaten Gespräch endgültig überzeugen und die Sache damit als erledigt betrachten: Wer heute wohlwollend ist, kann im nächsten Monat inaktiv sein, und die nächste Person beginnt wieder bei den Quellen, nicht bei einer früheren Verständigung. Ebenso wenig darf jemand, so anerkannt er in seinem eigenen Fachgebiet auch sein mag, einen Artikel per Anweisung richtigstellen. Die Kommunikationsabteilung einer Universität hat auf den Artikel über diese Universität verfahrensrechtlich kein größeres Gewicht als ein zehn Minuten zuvor angelegtes Konto – beide werden an denselben Quellen gemessen.
An die Stelle einer Hierarchie tritt hier eine schriftliche Spur. Jede nennenswerte Entscheidung hinterlässt eine: einen Beitrag auf der Diskussionsseite des Artikels, eine Zusammenfassungszeile, einen Diskussionsfaden auf einem Portal, mit Zeitstempel versehen und aufbewahrt, lesbar für jemanden, der fünf Jahre später nicht dabei war. Diese sichtbare Spur ist der eigentliche Mechanismus der Rechenschaft – dort, wo anderswo eine Befehlskette stünde.
Wir haben deshalb aufgehört, nach einer Ansprechperson zu suchen, und gelernt, mit dem Verfahren zu arbeiten, das bereits existiert: ein offengelegtes Konto, ein auf der Diskussionsseite des Artikels gestellter Antrag, ein aus unabhängigen Quellen aufgebauter Fall, gerichtet an wen auch immer ihn gerade liest. Das ist langsamer als ein Anruf. Es ist aber auch die einzige Tür, die je wirklich offenstand.