Eine Biografie, die wir prüften, enthielt zwei Aussagen, jede sauber belegt. Das Unternehmen des Porträtierten stand, korrekt referenziert, auf einer landesweiten Liste der am schnellsten wachsenden Privatunternehmen des Jahres 2019. Eine andere, ebenso seriöse Quelle, zwei Sätze weiter zitiert, berichtete, Unternehmen auf dieser Liste hätten ihren Unternehmenswert im Schnitt binnen drei Jahren verdreifacht. Der folgende Satz behauptete, das Wachstum des Unternehmens habe „vermutlich einen ähnlichen Verlauf genommen“. Das stand in keiner Quelle. Es stand im Entwurf.
Der Prüfer bezweifelte keine der beiden Aussagen. Beide stimmten, wie geschrieben. Beanstandet wurde der Satz dazwischen, die Brücke, die sonst niemand gebaut hatte. Wikipedia hat dafür einen Begriff: Synthese, das Verbinden von Material aus getrennten Quellen zu einer Schlussfolgerung, die keine von ihnen tatsächlich zieht oder auch nur nahelegt.
Verbinden Sie kein Material aus mehreren Quellen zu einer Schlussfolgerung, die keine der Quellen ausdrücklich zieht oder nahelegt.
Das passiert leicht unbemerkt, denn von innen betrachtet wirkt es wie Zusammenfassung, nicht wie Erfindung. Niemand nimmt sich vor, einen Fakt zu erfinden, und ein erfundener Fakt fällt schnell auf – eine Quelle, die etwas anderes sagt, als ihr unterstellt wird, springt bei der Prüfung ins Auge. Die Synthese versteckt sich im Bindegewebe zwischen zwei wahren Sätzen, in einem leisen „also“, einem „was nahelegt“, einem „im Einklang mit“. Jede dieser Wendungen behauptet einen Zusammenhang, den die Quellen für sich genommen nie hergestellt hatten.
Die Lösung besteht nicht darin, einen der beiden Fakten zu streichen. Beide bleiben, denn beide sind wahr und belegt. Was verschwindet, ist der verbindende Satz. Man stellt die beiden Beobachtungen dar, wie sie sind, getrennt und belegt, und hört dort auf. Falls der Zusammenhang für die Geschichte wirklich zählt, besteht die Lösung darin, eine Quelle zu finden, die ihn ausdrücklich herstellt – ein Porträt, die Einschätzung eines Analysten, ein Interview, in dem der Porträtierte selbst oder ein Journalist diese Verbindung zieht. Ohne eine solche Quelle gehört die Verbindung dem Verfasser, nicht der Dokumentation.
Wir lesen jeden Entwurf inzwischen zweimal: einmal, um zu prüfen, was jede Quelle für sich belegt, und einmal, um zu erkennen, was der Satz zwischen zwei Quellen ganz allein behauptet. Ein Fakt wird einzeln beurteilt. Ein verbindender Satz wird gesondert beurteilt – und genau dort beginnt ein sonst gut belegter Entwurf meistens zu wanken.